Im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tummeln sich selten Freunde der erneuerbaren Energien. Das ist bekannt und legitim. Warum lässt sich eine der großen deutschen Qualitätszeitungen aber zu schlechtem Journalismus hinreißen?

In der FAZ vom Samstag, 7. Oktober, findet sich im Wirtschaftsteil eine Reportage über die „Windigen Geschäfte“ in Ostfriesland. Der Autor, Michael Ashelm, hat eine Reihe Windkraftgegner getroffen und lässt sie darüber reden, was sie an den Windparks in ihrer Nachbarschaft stört. Es folgen die – wenn es erlaubt ist – bekannten Vorwürfe: Landschaftsverschandelung, Industrialisierung einer Landschaft (allerdings diesmal immerhin ohne den Zusatz „Kultur“), nächtliche Ruhestörung, Gesundheitsgefährdung durch Lärm und vor allem Infraschall. Detailliert wird geschildert, worunter die nächsten Anrainer der Windparks leiden: nervöse Störungen, tränende Augen, Schlaflosigkeit, schreiende Kinder nachts. Es werden Vorwürfe gegen den Filz aus Herstellern, Planern und Behörden vorgetragen. Und damit alles seine Ordnung hat, immer schön in der indirekten Rede, um sicherzustellen, dass nicht der Reporter, Michael Ashelm, spricht, sondern die Betroffenen.

Ihnen zuzuhören ist anscheinend für ihn ein zentrales Anliegen, denn beim Streit um die Windenergie gehe es nicht zuletzt darum, „wie ernst der Staat seine Bürger“ nehme, betont Ashelm. Was womöglich heißen soll, dass der Staat die Vorwürfe ernst nehmen soll, immerhin so ernst, dass er sie angemessen prüft. Man wird freilich den Eindruck nicht los, dass zu prüfen bedeutet, sie zu übernehmen. Aber das würde Ashelm wahrscheinlich von sich weisen.

Nur werden in den Passagen, in denen Stellungnahmen der Behörden oder von politischen Verantwortlichen wiedergegeben werden, Allgemeinfloskeln wiedergegeben: dass nämlich alles nach Recht und Ordnung gehe. Politiker dürfen „hehre Absichten“ verkünden, was erkennbar ironisiert wird. Oder es wird auf Interessenkonflikte verwiesen, wenn ein Landkreis selbst Windparks betreibe, sie aber zugleich auch zu genehmigen habe. Und schließlich kommt die kaum verdeckte Korruptionsvermutung, dass nämlich Planer, Politiker, Hersteller und Bauern enge Nachbarn seien und sich allesamt gut kennen.

Nur wenn es ums Allgemeine geht, spricht Ashelm selbst, nämlich dann, wenn die „Rendite aus der Milliardenschweren EEG-Subvention“ angesprochen wird, die die „Windräder wie Pilze aus dem Boden“ habe schießen lassen. Auch dass der Enercon-Gründer Aloys Wobben mit seiner Firma Milliardär geworden sei, schreibt sich Ashelm selbst zu. Dass sich das wie ein Vorwurf liest, ist für eine als konservativ geltende Wirtschaftsredaktion immerhin erstaunlich.

Es ist kaum zu erwarten, dass ein Reporter keinen Standpunkt hat. Egon Erwin Kisch, der solche hohen Ansprüche seinerzeit formulierte, war ja nun auch selbst ein Linker, was an seinen Reportagen deutlich abzulesen war. Aber zu erwarten wäre, dass ein Reporter nicht nur bemüht ist, sich das bestätigen zu lassen, was er eh schon meint, sondern dass er nachfragt und sich ein eigenes Bild aus den „Tatsachen“ macht – auch so eine stolze Vokabel, mit der Kisch seinerzeit umging.

Ashelm nun hat den Leuten nicht zugehört, er hat ihnen nach dem Mund geschrieben. Er hat nicht nachgefragt und hinterfragt, weder bei sich noch bei anderen. Damit ist er aber keineswegs in die Haut der Windkraftgegner geschlüpft, um erkennen zu können, wie sie denken (und uns das nachvollziehen lassen), sondern hat genau das von seinen Gesprächspartnern wiedergegeben und das auf spezifische Weise, was seine Position verstärkt.

Genau deshalb ist der Text Ashelms schlechter Journalismus. Er lässt eine Tendenz erkennen, aber nicht die des „Öko-Veteranen“ und des pensionierten Lehrers, sondern seine eigene. Er spannt diese Leute für sich ein, verhält sich aber nicht zu den „Tatsachen“. Zu verstehen ist nur, dass ihm der ganze Kram nicht passt.

Ein Staat, der sich so seiner Bürger annähme, würde sie nicht ernst nehmen.



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